Die Leitlinien des Arbeitskreises Deutsch als Wissenschaftssprache



Deutsch wird als Wissenschaftssprache aus dem deutschen Sprachraum verdrängt

Wissenschaft lebte schon immer vom internationalen Austausch. Hierfür leistet heute das Englische unersetzliche Dienste. Ins Licht des „Internationalen“ setzen sich gerne auch Wissenschaftsverwaltungen und Politiker, wenn sie auch für den internen Wissenschaftsbetrieb die ausschließliche Nutzung der englischen Sprache propagieren. Das führt bereits dazu, dass

  • nationale Kongresse, Kolloquien oder alltägliche Besprechungen mit ganz überwiegend oder gar ausschließlich deutschsprachigen Teilnehmern oft nur noch auf Englisch stattfinden,
  • die Hochschulen immer mehr Studiengänge komplett auf Englisch umstellen und akkreditiert bekommen,
  • inländische Mittelgeber deutschsprachige Forschungsanträge oft nicht mehr entgegennehmen.

Der ADAWIS sieht dadurch die Effizienz der wissenschaftlichen Kommunikation im Inland gemindert und hält dies für integrations-, erkenntnis- und demokratiefeindlich. Stattdessen fordert er zur Förderung der internationalen Vernetzung Konzepte der differenzierten Mehrsprachigkeit.

Erkenntnis bedarf sprachlicher Vielfalt

Fachsprache - Alltagssprache

Wissenschaft zielt auf umfassende Erkenntnis und deren immer weitere Verfeinerung. Da jede Sprache die Wirklichkeit auf je eigene Weise strukturiert und veranschaulicht, dienen das Miteinander und der Wettbewerb möglichst vieler (wissenschaftstauglicher) Sprachen der Schaffung neuen Wissens. Z. B. schärft und vertieft der zwischensprachliche Vergleich von Termini für vergleichbare Dinge und Begriffe die Erkenntnis. Sprachen, die aufhören, neue Termini zu bilden, gehen der Wissenschaft als Instrument der Wahrnehmung und Quelle der Erkenntnis verloren.

Wissenschaftliche Fragen sind auch Gesellschaftsfragen

Wissenschaft sollte sich stets mit Politik und Gesellschaft über soziale und ethische Fragen ihrer Tätigkeit austauschen. Dieser öffentliche Diskurs kann nur innerhalb des sprachlich-kulturellen Kontextes derjenigen Gesellschaft gelingen, die den Wissenschaftsbetrieb trägt. Anderenfalls käme er mangels gemeinsamer Terminologie und erkenntnisleitender Bilder rasch zum Erliegen. Einkapselung der Wissenschaft und Information aus zweiter Hand wären das Ergebnis.

Interkultureller Austausch bedarf gelebter Mehrsprachigkeit

Wissenschaft ist in besonderer Weise befähigt, den interkulturellen Austausch voranzubringen, denn sie erzieht zu Toleranz, gedanklicher Offenheit und Neugier. Mit nur einer einzigen Sprache bleibt der Blick auf denjenigen Kulturkreis begrenzt, für den diese Sprache steht.
Schon jetzt verbieten Wissenschaftsverlage ihren Autoren, nicht-englischsprachige Referenzen zu zitieren. Geschichtsfälschung, Wissensvernichtung und Vergessen ganzer Forschungstraditionen sind die Folge.
Gastakademiker, die Deutsch gelernt haben oder lernen wollen, sehen sich durch „English only“ gesellschaftlich ausgegrenzt. Sie verlassen unser Land, obwohl wir sie dringend längerfristig integrieren sollten.

Was wir erreichen wollen

Um Gastakademiker bei uns zu halten und den interkulturellen Austausch zu fördern, verficht der ADAWIS das Konzept einer kontextabhängigen, aktiven und passiven Mehrsprachigkeit, in der unserer Landessprache eine verbindlich-verbindende Rolle zukommt. Wir kooperieren dabei u. a. mit Sprachgesellschaften, Kulturinstitutionen, Wissenschaftsorganisationen und der Politik sowie ähnlichen Initiativen anderer EU-Staaten.

Für den deutschsprachigen Raum fordern wir:

  • Kontextbezogene Mehrsprachigkeit der universitären Lehre: Die grundständige Lehre sollte auf Deutsch stattfinden, aber auch die Rezeption fremdsprachiger Literatur einschließen. Aufbau- und Promotionsstudiengänge mit englisch- oder anderssprachigen Anteilen dürfen nur akkreditierbar sein, wenn das Fachstudium durch Sprachkomponenten ergänzt wird.
  • Individuelle Mehrsprachigkeit: Bei längerem Aufenthalt muss jeder Student und Dozent in seinem Gastland die Landessprache erlernen und ist darin zu unterstützen. Im Falle von Kurzaufenthalten gilt nach Möglichkeit das Prinzip der rezeptiven Mehrsprachigkeit. Bildungsanstrengungen sollten deshalb schon früh zum Verstehen anderer Fremdsprachen neben dem Englischen anleiten.
  • Abschlussarbeiten und Prüfungen: Englisch darf nicht verpflichtend gemacht werden. Abschlussarbeiten sollten vorzugsweise auf Deutsch verfasst werden mit ausführlicher Zusammenfassung auf Englisch und je nach Fach in weiteren Sprachen.
  • Nationale Fachtagungen: Deutsch ist ausdrücklich zuzulassen, nötigenfalls mit Simultanübersetzung ins Englische.
  • Lehrwerke, Monographien: Verlage müssen bei der Übersetzung ins Englische unterstützt werden, damit die Herausgabe originär deutschsprachiger Werke attraktiv bleibt.
  • Förderanträge, Ergebnisberichte: Im Falle deutschsprachiger Mittelgeber muss die Abfassung auch auf Deutsch möglich sein.
  • Wissenschaftsevaluation: Die Bewertung von Forschern und Forschungseinrichtungen darf nicht nur Publikationen in ausgewählten, englischsprachigen Zeitschriften berücksichtigen, sondern auch Monographien, nicht-englischsprachige Original- und Übersichtsartikel, Herausgeber- und Lehrtätigkeit sowie Öffentlichkeitsarbeit und Mitarbeit in wissenschaftlichen Kommissionen.
    Damit deutschsprachige Original- und Übersichtsarbeiten, Lehrwerke und Handbücher honoriert werden, muss eine mehrsprachige Publikationsdatenbank auf EU-Ebene geschaffen werden, die von den amerikanischen Zitatdatenbanken unabhängig ist.
  • Pflege der Wissenschaftssprache Deutsch an den Schulen: Auch im natur- und gesellschaftswissenschaftlichen Unterricht muss die deutsche Sprache gepflegt werden. „Bilingualer“ Fachunterricht darf nicht ausschließlich in der Fremdsprache erteilt werden.

ADAWIS setzt sich weiterhin ein für:

  • eine kritische „Bürgerwissenschaft“ als Gegengewicht zu selbst-referenziellen Tendenzen in Wissenschaft und Technik,
  • den fächerübergreifenden Dialog,
  • die Vertiefung geisteswissenschaftlicher und gesellschaftlicher Aspekte in den Naturwissenschaften,
  • empirische Untersuchungen zur Rolle der Sprache im Erkenntnisprozess und in der Lehre.